Judith und das Märchen von Dornröschen

 

Eine junge, blonde Frau sitzt mir im Therapieraum gegenüber. Judith erzählt: „Es war einige Tage nach unserem Urlaub. Ich stelle gerade die Einkaufstaschen auf den Küchentisch als David, mein Freund, mir mitteilt, dass er sich von mir trennt. Einfach so, aus heiterem Himmel. Es gibt keine andere Frau und er nennt auch keinen Grund. Er will anders leben, sagt er. In den Sommerferien waren wir noch zusammen in Portugal und hatten eine schöne Zeit.“

 

Judith schüttelt den Kopf: „Ich bin total fassungslos. Auch jetzt noch – 6 Wochen später – bin ich wie gelähmt. Als wäre mein Leben mit diesem einen Satz stehengeblieben. Ich schlafe schlecht. Ich esse kaum. Ich weine viel. Ich bin wie eingefroren. Selbst der Kalender steht noch auf 18. August. Das war der Tag, an dem er gegangen ist.“

 

Was ist passiert?

 

Judiths Freund trennt sich aus heiterem Himmel, ohne Vorgeschichte, ohne Streit, scheinbar grundlos. Bei Judith ist es die völlig unerwartete Trennung durch David, die diesen Stillstand der Psyche auslöst. Wie nach einem traumatischen Schock fühlt sich Judith wie gelähmt, fremdgesteuert, roboterhaft. Ihre Psyche ist wie eingefroren. Diese Art der Erstarrung nach unvorhersehbaren Lebensereignissen ist erstmal nicht ungewöhnlich. Schon im Märchen „Dornröschen“ der Gebrüder Grimm fallen alle Menschen, alle Tiere, selbst das Feuer im Kamin in einen hundertjährigen Schlaf. Die Erstarrung ist ein automatischer Schutzmechanismus der Psyche bei emotionaler Überforderung. Leider ist dieses „Einfrieren“ der Psyche auch erstmal nicht beeinflussbar.

 

Im Verlauf der Stunde stellt sich heraus, dass Judith nicht mehr ganz so „eingefroren“ ist wie am Anfang. Sie hat einige Lebensbereiche schon wieder zum Leben erweckt. Einmal ist sie ein kurzes Stück spazieren gegangen. Am Donnerstagabend hat sie sich ihr Lieblingsessen Spaghetti Bolognese gekocht und gestern hat sie sich eine Zeitschrift gekauft. Hier erkennen wir, dass Judiths Psyche langsam aus dem Schockzustand auftaut. In welchem Tempo dies geschieht, ist eigentlich nicht so entscheidend. Beruhigend ist, dass das „Auftauen“ bereits stattfindet. Als ich ihr das so rückmelde, ist Judith unendlich erleichtert.

 

Was ist der nächste therapeutische Impuls?

 

Hat das Auftauen einmal begonnen, übernehmen bereits die Selbstheilungskräfte der Psyche die Regie. Judith und ich werden sorgfältig auf die Bereiche achten, die weiter „auftauen“. Ja, etwas Geduld ist hier gefordert! Achten Sie daher unbedingt auch auf kleine Schritte!

 


Als Psychologin unterliege ich der absoluten Schweigepflicht. Alle Namen, Rahmenhandlungen und biographischen Details habe ich mir ausgedacht. Die Person, die ich hier beschreibe, gibt es nicht. Lediglich der psychologische Kerngedanke in jedem Beitrag ist real. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen wäre rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

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