Theresia und ich bei einer Tasse Earl Grey

 

Theresia und ich sitzen auf der schattigen Terrasse ihres Hauses mit Blick auf die Stadt. Nach 12 Jahren Therapie in meiner Praxis hat sie mich heute zu sich eingeladen. Aus Erzählungen wusste ich, dass sie gerne im Garten arbeitet. Ich bin überwältigt von ihrem prächtigen Gartenparadies voller natürlicher Schönheit.

 

Ich hatte Theresia von meinem Psychotherapieblog erzählt und sie hatte sofort die Idee, mit ihrer eigenen Geschichte dazu beizutragen: „Da mache ich mit! Ich erzähle alles was wichtig ist, und Sie schreiben es auf! Vielleicht kann ich anderen Betroffenen mit Psychosen Mut machen.“ Hier ist Theresias Geschichte.

 

Wie können wir uns die junge Theresia vor der Erkrankung vorstellen?

Ich war ein Mensch ohne Gefühle. Ich hatte keine inneren Räume, keine innere Substanz. In mir war alles verschlossen. Ich lebte nur im Außen. Ich wusste, was von mir verlangt wurde und so verhielt ich mich. Wie ein Geist, der sich ein Kleid übergezogen hat, mit dem er sich als Mensch verkleidet. Durch die Verkleidung ist meine schwere Erkrankung nicht so aufgefallen. Mit 23 Jahren aber kam dann die erste Psychose und der innere Zustand war nicht mehr zu verstecken.

 

Was war damals der Auslöser der Psychose?

Der Auslöser war aus heutiger Sicht betrachtet harmlos. Ich hatte mich verliebt. Dieses so komplexe, ungewohnte und überwältigende Gefühl hat in mir eine unbeschreibliche Angst ausgelöst. Meine Psyche kam mit so einem Gefühl nicht zurecht. Sie müssen sich das vorstellen, wie bei einem Damm, der die Kraft unglaublicher Wassermengen aushält. Das Gefühl verliebt zu sein, die Vielschichtigkeit dieses Gefühls, war zu groß für meine Psyche. Der Damm war gebrochen.

 

Wie haben Sie diese erste Psychose erlebt?

In meiner ersten Psychose war ich zuerst im Paradies. Alles war heil, schön und hell. Es war ein herrliches Gefühl. Zum ersten Mal fühlte ich mich leicht und gut. Kurz darauf veränderte sich das Bild und ich war in der Hölle. Das war unendlich qualvoll und schmerzhaft. Als die erste Psychose vorbei war, und das finde ich sehr wichtig für die Leser, war das „Schattenwesen“ in mir etwas kleiner. Ich war eine Spur näher an das echte Leben herangerutscht. Eine Psychose ist ein entsetzliches Ereignis, aber im Nachhinein kann ich sagen, dass jede Psychose mich realistischer gemacht hat, im Denken wie im Fühlen.

 

Können Sie Ihr Zuhause beschreiben, in dem dieses „Schattenwesen“ groß geworden ist?

Ich wurde nie wahrgenommen. In meinem Elternhaus gab es keinen echten Kontakt, keine Berührungen, kein normales Gespräch, wirklich kein einziges normales Gespräch. Das ist wahrscheinlich nicht vorstellbar, wenn man es selber nicht erlebt hat. In unserem Weltbild gab es nur schwarz oder weiß. Meine Mutter war die Heilige und mein Vater war der Satan. Der eine war gut, der andere böse, der eine hell, der andere dunkel. Die tiefe katholische Frömmigkeit in meiner Familie hat dazu den passenden Rahmen geliefert.

 

Wo waren Sie in diesem Bild?

Ich war irgendwo dazwischen. Ich war die Verlorene, die Ausgegrenzte. Ich wollte natürlich bei den Guten sein, aber es gelang mir nicht. Einmal aß ich ein Stück Brot vor der Kommunion. Das war die Todsünde. Ich war die Verdammte! Ich habe den Spannungszustand damals nicht gespürt, aber innerlich stand ich unter einer Hochspannung, die sich kaum jemand vorstellen kann.

 

Sie haben intensiv und lange Therapie gemacht. Wie leben Sie heute?

Mit meiner Geschichte weiß ich, dass ein „normales Leben“ nicht selbstverständlich ist. Heute sehe ich das Glück und ich sehe das Leid. Alles in dieser Welt hat seinen Platz. Ich fühle mich nicht grandios, nicht überhöht, aber auch nicht verdammt. Selbst ambivalente Gefühle machen mir keine Angst mehr. Der Nährboden der Psychose ist ausgetrocknet, alle Medikamente sind seit 2 Jahren abgesetzt. Ich bin dankbar, dass ich heute ein normales Leben mit guten Freunden führen kann. Ich bin gerne mit Menschen zusammen, die mir gut tun. Ich meide Menschen, die mir schaden. Diesen Luxus gönne ich mir.

 

Gibt es eine Therapiestunde, an die Sie sich besonders gut erinnern?

Ja, eine Stunde ist sehr wichtig gewesen. Es ging um das „Gefühlsregal“, erinnern Sie sich? Sie malten ein leeres Regal auf ein großes Blatt. In dieses Regal zeichneten Sie viele Schachteln und Kartons. Jede Schachtel bekam dann den Namen eines Gefühls. Eine Schachtel hieß Angst, die andere Freude, die nächste Ärger, dann Traurigkeit und so weiter. Sie erklärten mir, dass jedes Gefühl fest in unserer Psyche angelegt ist und nicht auszuschalten ist. Im ruhigen Zustand sind die Schachteln geschlossen und wir spüren diese Gefühle nicht. Aber immer wieder öffnen sich Schachteln und dann kommen wir ins Fühlen. Zu wissen, dass ich meine Gefühle nicht gänzlich ausradieren kann, war unglaublich wichtig für mich.

 

 

Ein schöner Nachmittag geht zu Ende. Die Therapie mit Theresia war auch für mich eine spannende, berührende und intensive Reise, auf der ich viel lernen durfte. Theresias therapeutischer Prozess war sicherlich lange, aber er hat sich gelohnt. Ich danke Theresia sehr, dass sie ihre Geschichte mit uns teilt.

 


 

Theresias Geschichte ist real. Ihren Namen und einige Details haben wir zum Schutz der Privatsphäre verändert.

 

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