Mein Lieblingsessen ist gekühlter Apfel

 

Als Rahel in Begleitung ihrer Mutter zum ersten Mal die Praxis betritt, erschrecke ich, so dünn und knochig ist die junge Frau. Rahel ist 22 Jahre alt, doch äußerlich gleicht sie einem 12-jährigen Mädchen. Rahels Mutter beginnt das Gespräch: „Wir leiden alle furchtbar unter der Situation. Was da passiert, ist nicht erklärbar. Bei uns gibt es keine Probleme, wir sind eine ganz normale Familie.“ Ich hake ein bisschen nach, frage nach dem Familienleben, frage nach Konflikten, nach dem Lieblingsessen. Rahel wirkt unbeteiligt und angeödet. Sie spricht vier Sätze: „Mein Vater ist beruflich erfolgreich“. Pause. „Nein, bei uns gibt es nie Streit“. Pause. „Bei uns ist alles in Ordnung“. Pause. „Mein Lieblingsessen ist gekühlter Apfel“.

 

Wie lebt diese Familie?

 

In dieser Familie ist äußerlich alles in Ordnung. Rahels Vater hat ein gutes Einkommen. Die Tochter hat schöne Kleider im Schrank und auf dem Küchentisch stehen Blumen. Im Inneren wird diese Familie jedoch von etwas Anderem beherrscht. Hier wird nicht gelacht, gescherzt, gestritten. Rahel und ihre Mutter schauen sich während des Gesprächs kaum an. Sie wirken völlig distanziert und unverbunden. Mir wird kühl, während wir an diesem schönen Nachmittag im Frühling miteinander sprechen.

 

Es ist, als ob um alle echten Gefühle meterhohe Mauern gezogen wurden und nur Stresshormone und Überforderung übriggeblieben sind. In dieser Familie erzählt niemand von Zweifeln oder von Unsicherheit. Keiner haut mal auf den Tisch. Nein, hier knallen keine Türen, und niemand lacht über sich, wenn mal etwas missglückt. Auf Enttäuschung folgt schweigsamer Rückzug. Ärger wird runtergeschluckt. Wie im Märchen von Dornröschen scheint das echte Leben eingefroren. Alle wirken gelähmt, aber niemand kann flüchten. Der Schmerz dieser Familie ist nicht greifbar, er liegt gut gekühlt in jeder einzelnen Person gefangen. Der Konfliktforscher Friedrich Glasl nennt dies einen kalten Konflikt. Bitte nicht falsch verstehen, nicht immer führen kalte Konflikte zu einer Magersucht und nicht jeder Magersucht liegen kalte Konflikte zugrunde. Der Zusammenhang begegnet mir jedoch regelmäßig und ich bin überzeugt, dass uns kein Konflikt so krank macht wie ein chronischer, kalter Konflikt.

 

Welcher therapeutische Impuls hilft jetzt weiter?

 

Kalte Konflikte brauchen Wärme. Bevor wir also überhaupt an eine positive Veränderung denken können, müssen wir den kalten Konflikt zunächst erwärmen. Nichts leichter als das? Nein, im Gegenteil! Einen kalten Konflikt zu erwärmen ist schwer. Warum? Tauen die unangenehmen negativen Gefühle auf, tun sie erstmal weh. Ärger, Wut, Enttäuschung, Neid, Angst fühlen sich nicht schön an – für keinen von uns. Was für eine Zwickmühle gleich zu Beginn der Therapie!

 


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Kommentare: 1
  • #1

    Robert Fellinger (Sonntag, 12 Mai 2019 14:27)

    Ihr Artikel gefällt mir sehr gut, vielen Dank dafür! Als Schlagwort dazu fällt mir "emotionale Vernachlässigung" ein, die eben auch traumatisierend sein kann. Kinder brauchen Beziehungen zu ihren Eltern, in die sie sich wechselseitig einbringen können - mit ihren Bedürfnissen, Wünschen und eben den dazugehörigen Gefühlen. Ich habe dazu einen (ersten) Blogbeitrag geschrieben - vielleicht passt er ja dazu und interessiert Sie und Ihre Leser*innen!
    https://www.robertfellinger.at/2019/05/in-beziehung-was-sich-kinder-von-ihren-eltern-wuenschen-teil-1/